Kennen Sie das typische Opfer?
Die Geschichte von einem üblen Zeitgenossen
Zu einem der übelsten Zeitgenossen, dem wir auf freier Flur begegnen könnten, zählt das Opfer. Es labt sich genüsslich in der Rolle des Selbstmitleids und jeglicher Zuspruch, bereits die kleinste Aufmerksamkeit, die wir ihm zukommen lassen, verursacht in ihm einen hormonellen Höhenrausch der Selbstbestätigung. Zu seinen herausstechendsten Eigenschaften gehört es, sich den Schattenseiten des Lebens zuzuwenden und beim ersten Anzeichen kleinster Schwierigkeiten bekennt das Opfer Farbe, schließlich ist es jedem Problem gegenüber positiv aufgeschlossen. Das eindeutige Bekenntnis seinerseits, PRO-blem zu sein, verbietet ihm allein aus standesrechtlichen Erwägungen, jemals eine CONTRA-bleme Haltung einzunehmen, würde es sich hiermit schlimmstenfalls die eigene Lebensgrundlage entziehen und damit in aller Öffentlichkeit einen Autoritätsverlust hinnehmen müssen, der sich schwer korrigieren ließe.
Die Lebensprinzipien des klassischen Opfers orientieren sich an einigen hohen Tugenden, die es schwer machen,seine Strategien und Vorgehensweisen von Anfang an zu durchschauen. Es legt seine Tentakel stets auf der Suche nach Verbündeten und guten Zuhörern aus, um synergetische Zweckgemeinschaften gleichgesinnter Leidensgenossen zu bilden. Mit der inneren Einstellung, als gehe es darum, Olympiagold zu gewinnen, konzentriert sich das Opfer auf seine Stärken, die in Beharrlichkeit, der Fähigkeit gut zuzuhören und einer überschwänglichen Hilfsbereitschaft liegen, wenn es darum geht, die Fährte eines Problems mit Enthusiasmus aufzunehmen. Dabei ist es von allgemeinem Vorteil, dass das Opfer nicht zu übermäßigen Stimmungsschwankungen neigt, sondern gleichmäßig depressiv, mit der Resistenz einer Küchenschabe, die täglichen Problemstellungen analysiert und anpackt. Stets dem eigenen Ideal folgend, dass geteiltes Leid höchstes Glück ist, scheut das Opfer keinen Solidarpakt mit anderen Opfern, sondern erklärt sich stets bereit, alles gewonnene Wissen gemeinschaftlich zu teilen, insofern es dienlich erscheint, jemandem die höchsten Weihen einer perfekten Opferrolle angedeihen zu lassen.
Mit hohepriesterlicher Besessenheitund glühender Fachkompetenz weist es andere in die Niederungen der großen Problemstellungen der Menschheit ein, die anderen allein aufgrund einer lebensbejahenden Sichtweise ein Leben lang versperrt bleiben würden. Ausgestattet mit der Top-Ten-Problemliste in der Nachttischschublade, kann es sich nicht dem natürlichen Drang danach entziehen, selbst dem größten Optimisten wenigstens ein beklemmendes Gefühl zu vermitteln, bestenfalls jedoch dafür zu sorgen, dass sein Stimmungsbarometer nach einer Begegnung dem eines Tiefdruckgebietes entspricht.



